Erika

Interview mit Erika Spengler, Fotografin und Bloggerin mit ihrer ganz besonderen Sichtweise auf Berge, Natur und Mensch.

Der stärkste Muskel beim Klettern ist der Kopf. Nur wer sich bewusst dazu entschließt seine Komfortzone zu verlassen, kommt diesen einen Schritt weiter. Erika schreibt in ihrem Blog gerne über dieses Thema und über die vielen anderen wunderbaren Dinge beim Klettern und Bergsteigen. Erika Spengler im Interview mit Leute von Draussen.

LvD: Bevor ich auf deinen Blog zu sprechen komme, möchte ich gern mal wissen wie und wann du selbst zu den Bergen gekommen bist. Wie hast du mit Skitouren, Klettern und so angefangen hast. Du schreibst auf deiner Seite, dass du dich am Anfang ja ziemlich selbst unterschätzt hast und dich nicht wirklich mal auf hohen Bergen oder in schwierigen Kletterrouten gesehen hast.

Erika: Ich habe immer davon geträumt, aber es war eher so ein “das wird nie sein” -Traum. Ich hatte viel zu viel Angst, fühlte mich in ausgesetzten Passagen extrem unwohl und vertraute dem Material nicht. Ich machte über Jahre nur ganz leichte Wanderungen, wünschte mir aber das Können und den Mut für schwerere Touren – aber eben immer ohne an meine Fähigkeiten zu glauben. Ganz langsam tastete ich mich heran, machte etwas anspruchsvollere Bergtouren und fing vor fünf Jahren das Klettern an – allerdings nahezu nie im Vorstieg, schon gar nicht im alpinen Gelände.

Interview mit Erika Spengler

Den Mut und das dazugehörige Selbstvertrauen, dass ich womöglich doch mehr kann, als ich immer dachte, habe ich erst seit vergangenem Jahr. Und es ist ein irres Gefühl! Nachdem wir die Nordwand der Westlichen Zinne durchstiegen hatten, dachte ich ständig “naja, aber das zählt ja nicht, ich war ja nur im Nachstieg”. Ich muss mir immer wieder selbst in den Kopf rufen, dass wir da sauber in Wechselführung durchgecruised sind – ganz wie die Großen!  Als diesen Winter dann auch gleich mehrere Eisklettertouren dazukamen, war ich sooo selig. Das alles waren seit jeher einfach soooo große Träume von mir – eigenständiges Alpinklettern, Eisklettern, anspruchsvolle Hochtouren… Jetzt stehe ich da, mache dieses Jahr den DAV-Fachübungsleiter im Alpinklettern und schreibe eine Artikelreihe über die Bekämpfung der Angst beim Klettern. Ich bin immer noch etwas fassungslos, wenn ich mir das wieder mal bewusst mache.

Aber zu Ende ist die Reise noch lange nicht. Ich möchte mein Können weiter verbessern und anspruchsvolleren Touren im Eis und Schnee gewachsen sein. Dafür braucht es noch mehr Erfahrung und Routine. Aber ich habe damit keinen Stress – es kommt, wenn es soll. Und es wird schon kommen. Bis dahin freue ich mich an dem, was ich jetzt schon unternehmen kann. Die Touren-Wunschliste ist ohnehin endlos.

LvD: In deinen Artikeln über die Angst beim Klettern sprichst du ganz offen über die wilden Gedanken und Zwiespälte, die man durchlebt, wenn man gerade am Seil in der Wand hängt. Ich glaube, da erkennen sich viele wieder. Wie kam es dazu, dass du dich so intensiv damit auseinander gesetzt hast und Taktiken für dich erarbeitet hast? Gab es ein Schlüsselerlebnis, warum du dich dann schließlich bereit gefühlt hast für solch eine Tour?

Erika: Die Faszination von Bildern aus alpinem Gelände – sei es im Fels, im Eis oder im Mixed-Gelände – war einfach riesig. Ich habe mich so sehr gewünscht, das auch mal zu machen und war immer durch meine Angst limitiert. Jahrelang habe ich das eben einfach so akzeptiert, bis ich jemand kennen lernte, der mich motivierte, mich einfach mal zu trauen. Als ich meine erste 8+, meine erste 8+/9- und letztendlich meine erste 9- innerhalb weniger Monate schaffte, fragte ich mich: Wie viel geht da noch? Ich wusste, dass ich durch die Angst limitiert bin, also entschied ich für mich, dass ich  – so wie andere die Kraft trainieren – den Kopf trainieren muss, um noch besser zu werden. Aber wie macht man sowas? Ich habe Bücher gelesen, mich mit Trainern getroffen und Athleten befragt. Die Ergebnisse sind inzwischen als große Artikelreihe auf meinem Blog zu lesen.

 

LvD: Die Artikelreihe ist wirklich sehr lesenswert. Eine 8+/9- klettern die wenigsten und ich denke, du inspirierst mit deinem Blog einige Leute, besonders viele Mädels, die wahrscheinlich oft hinter ihren Möglichkeiten zurückbleiben. Wie hat das mit deiner Webseite angefangen und worum geht es dir persönlich dabei?

Erika: Zum Blog: Ich habe 2010 eine viermonatige Reise durch Ozeanien gemacht. Mein Bruder brachte mich auf die Idee, statt ständiger Mails einfach einen Blog zu schreiben. Ich wusste damals nicht mal, was das ist. Auch nach der Reise habe ich die Seite weitergeführt und scheinbar kamen immer mehr Leser dazu. Ich fing an, die ganze Sache ein bisschen professioneller zu betreiben, startete eine Facebookseite und baute ein Netzwerk zu vielen anderen Bloggern und zu Herstellern auf. Professionell heißt übrigens nicht “monetär”, ich habe mich immer gegen Werbung gesträubt. Testberichte waren okay, von denen hat der Leser ja auch was. Aber blinkende Banner oder störende Pop-Ups gab es nie. Wozu auch, ich hatte ja einen gut bezahlten Job. Erst jetzt mit der Selbstständigkeit gehe ich Werbekooperationen ein, wobei ich dabei immer darauf achte, dass der Leser nicht gestört wird und er einen Mehrwert davon hat.

“If it scares you, it might be a good thing to try”

Bei ulligunde.com selbst geht es mir um gute Unterhaltung und Inspiration. Es gibt so viele glattgebürstete Blogs, die perfekt gestyled daher kommen, aber keinen erkennbaren Charakter haben. Sie sagen irgendwie nichts aus, sind austauschbar. Ich wünsche mir immer, dass Blogs etwas Spezielles haben und die Handschrift einer Person deutlich zeigen. Das ist zumindest bei ulligunde.com der Anspruch.

Ich möchte, dass meine Texte Spaß machen, dass Leser schwitzende Finger bekommen und sich fühlen, als wären sie gerade mit in der Wand. Ich möchte auch inspirieren – sei es zum Rausgehen, zum Mutig sein, womöglich gar zur Selbstständigkeit. Ich möchte, dass vor allem die Mädels da draußen motiviert sind, an sich zu glauben und auch mal etwas wagen. “If it scares you, it might be a good thing to try” – dieser Satz taucht nicht umsonst oft auf meinem Blog auf. Verlasse die Komfortzone, sei mutig und werde besser. Sammle Erfahrungen. Das Leben kann so schnell vorbei sein, lebe besser jetzt. Klingt alles furchtbar abgedroschen, aber danach lebe ich.

LvD: Schwitzige Finger habe ich auf jeden Fall von deinen Berichten über das Trad-Climbing bekommen. Worin unterscheidet sich für dich das Klettern in normalen Sportkletterrouten mit vorgegeben Linien und gebohrten Haken zu den Routen, die du komplett selbst absichern musst mit Keilen und Friends? 

Erika: Tradklettern ist unglaublich vielseitig und eine wunderbar ursprüngliche Art des Kletterns. Man hinterlässt keine Spuren, niemand sieht, dass du da warst. Eigentlich ja der Ansatz, wie wir immer in die Berge gehen sollten. Beim Sportklettern geht es vorwiegend um harte Züge, um das Durchziehen, das Dranbleiben. Es hat einen viel sportlicheren, ambitionierteren Charakter. Die Linie ist völlig klar vorgegeben, fixe Haken, die alle paar Meter in den Fels gebohrt sind, weisen dir den Weg zum Umlenker. Das Stürzen ins Seil ist völlig normal.

Beim Tradklettern hingegen hast du ein Stück unberührten Fels und musst dir deine Linie und Deine Sicherungspunkte selbst suchen. Zwar ist häufig klar, wo der Umlenker (oder “Stand” beim Alpinklettern) etwa ist und wie schwer es dorthin etwa sein müsste. Aber trotzdem musst du dir überlegen, welche Linie du wählst und welche Sicherungsmittel (große oder eher kleine? Friends oder Keile?) du dafür dann mitnehmen musst. Du kannst nicht einfach “alles” mitnehmen, denn einerseits besitzt du vielleicht einfach nur einen Satz (die Teile sind unglaublich teuer) und andererseits sind sie auch relativ schwer.

Interview mit Erika Spengler

Beim Klettern selbst musst du abwägen, wo Sicherungen gelegt werden können. Dabei musst du taktisch vorgehen, denn wenn du auf den ersten paar Metern alles verpulverst, hast du oben raus womöglich nicht mehr den passenden Friend. Wenn du etwas platzieren willst, musst du dir überlegen, welches Sicherungsmittel da jetzt am besten passt – ein Friend, ein Keil, welche Größe? –  und ob du diese Größe womöglich später nicht noch brauchst.

“Tradklettern ist unglaublich vielseitig und eine wunderbar ursprüngliche Art des Kletterns.”

Und natürlich bleibt immer die mentale Herausforderung. Bis eine Sicherung angebracht ist, braucht es einige Sekunden, wenn du nicht gleich den richtigen Keil erwischst, noch viel länger. Du wurschtelst an deinem Gurt rum, versucht dich mit der anderen Hand festzuhalten und das alles häufig einige Meter über der letzten Sicherung. Da muss man Ruhe bewahren können. Das ist aber auch der Grund, weshalb man Trad meist nicht ganz am Leistungslimit klettert. Und kommt es doch einmal zu einem Sturz, halten die mobilen Sicherungsmittel übrigens genauso viel wie fixe Bohrhaken – vorausgesetzt, sie wurden ordentlich platziert! Das weiss man nie so genau, was die Sache noch zusätzlich spannend macht. Aber keine Sorge, es hält fast immer…

LvD: Das Leistungslimit verschiebt sich beim Klettern immer mehr und das Motto lautet “höher – härter – schneller”. Sind bspw. Erstbegehungen, also die Erschließung neuer Routen, für dich interessant und was sind deine eigenen Ziele?

Erika: Erstbegehungen reizen mich nicht, nein. Ich klettere nicht so gut, als dass das interessant wäre und außerdem bin ich momentan noch ganz gut damit beschäftigt, noch mehr Erfahrung zu sammeln. Letztes Jahr war geprägt vom reinen Alpinklettern, dieses Jahr möchte ich das wieder vermehrt mit Hochtouren kombinieren. Mich reizen Klettereien in meinem Komfortbereich, die aber in alpinem Ambiente sind und auf einem Gipfel enden. Auf diese Rundum-Erlebnisse freue ich mich. Muss nur noch das Wetter passen…

Interview mit Erika Spengler

LvD: Mal angenommen, du hättest uneingeschränkt Budget und Zeit. Welche Tour, natürlich innerhalb deines Komfortbereichs, stünde denn ganz oben auf deiner Wunschliste und warum?

Erika: Ach, mich reizen gar nicht mal die komplizierten, teuren Ziele, es gibt momentan noch so viel in den Alpen zu erkunden. Ich würde mich schon riesig freuen, wenn sich endlich mal Touren in Chamonix ausgehen würden. Eine leichte Mixedtour oder auch etwas sehr langes in leichtem Fels, einfach um einmal in dieser Umgebung zu klettern. Es muss einfach wunderschön sein. Wir standen schon zwei Mal im Tal, fuhren aber wegen der schlechten Bedingungen beide Male nicht mal mit der Gondel hoch…

LvD: Da gebe ich dir recht, die Alpen haben so viel zu bieten. Da reicht ein ganzes Leben nicht dafür aus. Ich wünsche dir einen tollen Sommer mit vielen Projekten und ich hoffe, dass wir davon viel auf deinem Blog lesen werden. Danke für das Interview.

 

Es gibt gute Touren-Blogs und es gibt hervorragende Touren-Blogs. Erikas Webseite ulligunde.com gehört auf jeden Fall zu den Letzeren. Spannende und amüsante Tourenberichte, geile Bilder, interessante Interviews und lesenswerte Produktrezensionen sind in Fülle geboten. Dringend zu empfehlen!

 

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