Andrea

Wann steigst du aus dem Sattel? Interview mit Andrea über ihre Reise auf dem Rad auf über 25.000 km von Kanada nach Argentinien.

Später wollen wir alle mal von DER einen großen Sache erzählen können, die wir in unserem Leben gemacht haben als wir jung waren. Einen 8.000er bestiegen vielleicht oder ein Jahr in einem buddhistischen Kloster gelebt. Wie wäre es aber aufs Rad zu steigen und 25.000 km von Alaska nach Argentinien zu fahren? Andrea hat damit für später einige Geschichten auf Lager.

LvD: Hallo Andrea, ich steige gleich direkt ins Thema ein. Du bist aus Deutschland, wohnst normalerweise mit deinem Freund in Kanada, aber ihr beide seid gerade für mehrere Monate mit euren Trekking-Bikes unterwegs. Wo steckt ihr gerade, wo seid ihr gestartet und wo geht die Reise hin?

Andrea: Vor 13 Monaten haben Nyle und ich unsere Wahlheimat Squamish (British Columbia) verlassen. Anfang Juli 2016 stiegen wir mitsamt unseren Bikes sowie acht Satteltaschen und zwei Drybags in einen Flieger der Airline Air North. Unser Ziel war Inuvik in der kanadischen Arktis, dem Ausgangspunkt unserer Bike-Tour. Seitdem sind wir mit unseren vollbepackten Tourenrädern Richtung Süden unterwegs. Unser Ziel ist die südlichste Stadt der Welt – Ushuaia in Feuerland, Argentinien. Seit gut einer Woche sind wir in Peru unterwegs und erkunden die vielseitige Region Cajamarca im Norden des Landes. Uns war ziemlich schnell klar, dass Peru ein Land der Superlativen ist. Es geht endlos erscheinende Bergpässe hinauf, manchmal brauchen wir zwei Tage bis wir endlich oben ankommen. Die Belohnung ist die anschließende stundenlange Abfahrt ins mehrere tausend Meter tiefer gelegene Flusstal – ohne auch nur einmal treten zu müssen. Und wenn man unten ankommt fängt alles wieder von vorne an – auf der anderen Seite Flusses.

LvD: Von der nördlichsten bis zur südlichsten Spitze der beiden amerikanischen Kontinente sind es fast 15.000 km (Luftlinie) und sicherlich für euch noch einige mehr. Wie seid ihr auf diese verrückte Idee gekommen und wann wollt an der Südspitze Argentiniens ankommen?

Andrea: Eigentlich hatten wir ja alles. Gute Jobs, ein bequemes Zuhause und am Wochenende ging es raus zum Klettern oder Biken. Eigentlich kein schlechtes Leben. Aber irgendwie war uns das „Weekend-Warrior-Leben“ nicht mehr genug. Wir wollten eine Zeit lang was ganz anderes machen, den Alltag hinter uns lassen, reisen, entdecken. Herausforderungen und Abenteuer anstatt Gewohntes und Bequemlichkeit. Zum Arbeiten, da waren wir uns beide einig, ist später immer noch genug Zeit. Von einigen verschiedenen Ideen machte letztendlich die Bike-Tour das Rennen. Den Gedanken mit unseren Bikes von Nordamerika über Lateinamerika nach Südamerika zu radeln, fanden wir beide extrem spannend.

“Herausforderungen und Abenteuer anstatt Gewohntes und Bequemlichkeit.”

Und als wir uns vor drei Jahren den Globus so anschauten, sah das Ganze ja eigentlich ziemlich einfach aus, vom Nordpol zum Südpol geht’s immer bergab, oder?! Naja, wenn da nicht gerade die längste Bergkette der Welt denselben Weg nehmen würde. Wenn ich jetzt daran zurück denke, dann hatten wir echt wenig Ahnung was so auf uns zukommt – was vielleicht auch ganz gut war.

Bisher sind wir 17.000 km geradelt. Wir schätzen, dass es letztendlich so um die 25.000 km sein werden. Wenn alles gut geht und das Wetter mitmacht, sollten wir Anfang nächsten Jahres (2018) in Ushuaia ankommen.

LvD: Kannst du uns einen kleinen Einblick geben, was es bedeutet so lange unterwegs zu sein, ohne festes Zuhause und mit ständig wechselnden Eindrücken? Welche Strapazen und Unannehmlichkeiten nehmt ihr mit dieser Reise auf euch?

Andrea: Das ständige aus- und einpacken, fast jeden Tag an einem anderen Ort sein, oft nicht wissen wo man ein Bett oder einen Zeltplatz findet und nach 6 oder 7 Stunden im Sattel hungrig durchs Dorf rennen um ein paar Karotten und Zwiebeln für die Nudelsoße aufzutreiben – all das kann schon manchmal richtig anstrengend sein und wir vermissen unser Zuhause.

Im Norden Kanadas haben wir nicht selten Essen für eine Woche mit uns rumgeschleppt, dafür war es total einfach einen guten Zeltplatz zu finden. In Mexiko (Ausnahme Baja Peninsula) und Lateinamerika war es für uns meist schwierig mit dem Zelten, diese Länder sind in vielen Teilen dicht besiedelt. Zudem machte uns die Hitze in Lateinamerika ziemlich zu schaffen, da gönnt man sich dann doch mal das ein oder andere Hotelzimmer mit Klimaanlage – wenn man denn eines findet. In den USA nutzten wir des Öfteren die Website warmshowers.com, eine Art internationale Couchsurfing-Community von und für Langstreckenradfahrer. Es ist gar nicht so selten, dass wir uns tagelang auf ein bequemes Bett, eine heiße Dusche und eine richtige Küche (um mal mehr als Nudeln mit Soße zu machen) freuen. Die einfachen Dinge, die wir im Alltag als so selbstverständlich hinnehmen, werden so zu etwas Besonderem.

LvD: Was ist euch bisher am positivsten in Erinnerung geblieben? Kannst du schon ein paar Highlights für dich benennen?

Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die wir bisher auf dieser Reise erfahren haben, ist unbeschreiblich und macht es die viele Strapazen wert. Menschen, denen wir total fremd sind, laden uns ein mit ihnen und ihren Familien zu Essen und in ihrem Haus zu übernachten. Diese Erfahrungen und Begegnungen mit Menschen aus den verschiedensten Ländern werden wir noch lange in Erinnerung behalten.

Einer unserer Höhepunkte bisher war, durch den einsamen und wilden Norden der kanadischen Arktis und des Yukon zu biken. Die Landschaften dort oben sind einfach einzigartig schön. Eine Wildtier-Begegnung der eher nervenaufreibenden Art hatten wir im Norden nur einmal: Ein Wolf hat sich eingebildet, Radfahrer wären „Essen auf Rädern“ und wollte uns partout nicht in Ruhe lassen. Er verfolgte uns eine ganze Weile. Lautes Rufen und Signalhorn sowie Bear-Spray (Pfefferspray speziell gegen Bärenangriffe) haben ihn nicht von seinem Plan abbringen lassen. Ein hilfsbereiter Straßenarbeiter hat uns dann in seinem Pick-up Truck aufgelesen und ein paar Kilometer zum nächsten Zeltplatz gefahren. Das war aber die einzige stressige Begegnung mit Wildtieren, die vielen Braun- und einige Grizzlybären haben sich glücklicherweise wenig für uns interessiert.

“Die Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft, die wir bisher auf dieser Reise erfahren haben, ist unbeschreiblich und macht es die viele Strapazen wert.”

Mehrere tausend Jahre alte und hunderte von Metern hohe Redwood-Bäume im Norden Kaliforniens waren ein weiteres Highlight. Es ist wahnsinnig beeindruckend durch diese Urwälder hindurchzufahren, man erwartet fast, dass jeden Moment ein Dinosaurier hinter einem der Baumgiganten auftaucht.

Zelten zwischen den Kakteen in der Wüste der Baja California in Mexiko war auch eines dieser Erlebnisse, die wir nicht so schnell vergessen werden. Obwohl ich ein riesen Schisser bin, wenn ich auch nur die kleinste Spinne irgendwo krabbeln sehe, war meine erste Begegnung mit Vogelspinnen doch eher von Faszination als schierer Panik geprägt. Aber abends hab ich dann doch immer lieber dreimal überprüft, ob der Reißverschluss im Zelt auch wirklich ganz zu ist.

LvD: In Europa ist es ja verhältnismäßig einfach mit dem Rad von A nach B zu kommen. Wie ergeht es euch da bisher auf eurer Tour?

Mit dem Rad ist man, verglichen zu Auto und Bus ja unglaublich langsam unterwegs. Für eine Autostunde brauchen wir auf unseren bepackten Drahteseln im Durchschnitt einen Tag. Das gibt einem die Möglichkeit, alles viel intensiver wahrzunehmen. Traumhaft ist es dann, wenn wir in beeindruckenden Landschaften auf ruhigen Straßen und Wegen unterwegs sind. Der Nachteil ist dann aber, dass wir auch in sehr unschönen Gegenden, mit stinkendem und lautem Verkehr auf viel befahrenen Straßen nur sehr langsam vorankommen.

Costa Rica zum Beispiel war unerwartet schlecht zum Radfahren, die Straßen waren sehr eng, hatten keinen Seitenstreifen und es brauste ein riesen Lastwagen nach dem anderen an uns vorbei. So lernt man die vielen verschiedenen Facetten eines Landes intensiv kennen. Ganz anders als wenn jemand zum Beispiel mit dem Rucksack im Bus unterwegs ist, von einem Touristen-Highlight zum nächsten rast und alles zwischendrin nur als vorbeirauschende Landschaft wahrnimmt.

Weiter zu Teil 2 >>

 

25.000 Kilometer (!) auf dem Rad durch zwei Kontinente. Ein Abenteuer, das auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Andrea und Nyle sind gerade in Huaraz in Peru und werden Anfang des nächsten Jahres hoffentlich gesund und glücklich an der Südspitze Südamerikas ankommen. Auf ihrem Blog shiftingdrifters.com kann man viele Geschichten der Tour nachlesen und sich auf kommende Episoden freuen. Wir wünschen den beiden viel Erfolg auf Ihrer Reise. 

Alle Bilder zur Verfügung gestellt von Andrea und Nyle.

Teile diesen Artikel

0 Kommentare zu “AndreaKommentar hinzufügen →

Kommentar verfassen