Andrea

Wann steigst du aus dem Sattel? Interview mit Andrea über ihre Reise auf dem Rad auf über 25.000 km von Kanada nach Argentinien.

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LvD: Würdest du sagen, dass es manchmal gefährlich ist so mit dem Rad zu reisen und was würdest du anderen Leuten raten?

Andrea: Nicht selten warnen uns die Menschen des Landes, in dem wir uns gerade befinden, davor ins Nachbarland zu reisen. Es sei gefährlich dort und die Leute hätten nichts Gutes im Sinn. Von Kanada in die USA, von den USA nach Mexiko, von Mexico nach Guatemala von Guatemala nach El Salvador etc. Beraubt wurden wir bisher aber nur ein einziges mal – in den USA! Über Nacht hat jemand unseren mit Essen vollbepackten Drybag gestohlen. Vielleicht sollte die amerikanische Regierung mal darüber nachdenken, Reisewarnungen für ihr eigenes Land herauszugeben und nicht immer nur die netten Mexikaner schlecht zu machen. Und wenn wir schon dabei sind, geschossen hat man auf uns auch schon ein paar mal: Kinder mit Steinschleudern in Lateinamerika – die haben aber zum Glück ihr Ziel verfehlt.

“Beraubt wurden wir bisher aber nur ein einziges mal – in den USA!”

Kurz vor La Paz wurde uns der viel befahrene Highway ohne Seitenstreifen etwas zu riskant und wir beschlossen, der von Google Maps vorgeschlagenen Bike-Alternative zu folgen. Darauf folgte dann eine mehrstündige Odyssee von „vollgeladenes Tourenrad durch die heiße Sandwüste schieben“. So haben wir auf die harte Tour gelernt, Google Maps nicht blind zu vertrauen. Und doch tun wir es immer wieder, auf dem Handybildschirm sieht es einfach zu verlockend aus.

Eine Herausforderung der ganz anderen Art, an die ich bis Mexiko keinen einzigen Gedanken verschwendet habe, sind Hunde. Vielleicht des Menschen bester Freund, aber in jedem Fall des Radfahrers schlimmster Feind (nur die Busfahrer in Guatemala waren schlimmer). Je weiter südlich wir kommen, desto aggressiver werden die Hunde. Es sind nicht einmal die halb verhungerten Streuner, sondern die vernachlässigten Haus- und Hofhunde, die uns bellend und zähnefletschend – oft zu viert oder fünft – hinterherfetzen. An manchen Tagen 20 oder 30, das geht einem dann schon mal auf die Nerven und Steine fliegen in Richtung der bellenden Köter – was übrigens auch die Strategie der Bewohner hier ist, aber meistens verfehlen die Steine ihr Ziel dann sowieso. Gottseidank hat uns bisher noch keiner der Kläffer erwischt. Einige unserer Freunde hatten jedoch weniger Glück. Ein Grund mehr, weshalb wir uns auf die einsamen Gegenden Boliviens, Chiles und Argentiniens freuen.

LvD: Ihr verbrennt sicherlich jeden Tag eine Menge Kalorien auf dem Rad. Was könnt ihr kulinarisch bisher so empfehlen?

Andrea: Wenn man den ganzen Tag so vor sich hin radelt, bekommt man natürlich irgendwann einen Mega-Hunger. Deshalb ist eine unserer Lieblingsbeschäftigungen auf Tour, vegetarisches Street-Food zu finden. Mexiko war kulinarisch gesehen bisher definitiv ein Highlight, Tacos und Co. haben selten enttäuscht. Leckere Pupusas – kleine, herzhafte Pfannkuchen mit Käse gefüllt, gegrillt und mit einer Art Krautsalat serviert – haben uns in El Salvador an jeder Straßenecke erwartet. In Kolumbien fanden wir den besten Kaffee. Und in den riesengroßen Markthallen die es hier in jeder Stadt gibt, findet man zudem fast alles was man sich vorstellen kann, frisch und echt günstig. Hin und wieder müssen wir dann allerdings mit den Konsequenzen leben und verbringen einige Tage und Nächte mit Magenkrämpfen auf der Toilette. Und wenn man tagelang durch menschenleere Gegenden radelt, gibt es halt auch mal nur Nudeln und Reis.

LvD: Bis zur Südspitze Argentiniens ist es ja noch ein Stück. Auf was freust du dich auf den nächsten Kilometern bzw. den Rest der Reise?

Andrea: Gerade sitze ich in unserem preisgünstigen Hotelzimmer und höre den Panflötenspielern und Trommlern in der Nachbarschaft zu (irgendwie hören sich auch alle Lieder gleich an). Dazu gesellt sich das nächtliche Hundegebell-Konzert und wenn wir Pech haben, setzt dann um 4:30 morgens das Hahnenkrähduett ein. Also eigentlich freuen wir uns gerade sehr darauf, der Zivilisation wieder für längere Zeit zu entfliehen: In die endlosen Hochebenen Boliviens mit ihren riesigen Salzseen, in die einzigartige Atacama Wüste Chiles und letztendlich in das wilde und einsame Patagonien.

“Also eigentlich freuen wir uns gerade sehr darauf, der Zivilisation wieder für längere Zeit zu entfliehen.”

Viele Radler, die in die entgegengesetzte Richtung unterwegs sind, schwärmen von den Weingegenden Argentiniens und der italienischen Kost dort – hört sich auch sehr verlockend an. Und natürlich freuen wir uns darauf, der Ziellinie in Ushuaia näher zu kommen.

LvD: Was macht ihr, wenn die Reise vorbei ist? Hast du Angst ein bißchen in ein Loch zu fallen, wenn ihr nicht mehr tagtäglich auf dem Rad sitzt?

Andrea: Das gute an so einer Reise ist, dass man endlose Stunden zum Nachdenken und Tagträumen hat. Was ist uns im Leben wichtig? Welche Abenteuer wollen wir noch erleben? Was macht uns glücklich? Der Alltag bietet selten Gelegenheiten, solche Gedanken zu Ende zu denken.

Im Sattel haben wir viele Stunden mit Tagträumen und Gesprächen über unsere Zukunft verbracht. Daraus entstanden ist eine „Bucket-List“ mit jeder Menge Dingen, die wir in unserem Leben machen wollen. Momentan ist es eher so, dass wir uns freuen, nach Hause zu kommen um dann mit dem nächsten Projekt anzufangen um unsere Liste „abzuarbeiten“. Natürlich werden wir erst einmal wieder zum „Weekend-Worrier-Tum“ und dem Hamsterrad zurückkehren, zumindest für ein paar Jahre.

“Im Sattel haben wir viele Stunden mit Tagträumen und Gesprächen über unsere Zukunft verbracht.”

Momentan reizt uns die Idee des Bike-Packings sehr (Radtouren mit extrem leichtem und wenig Gepäck, oft auf Mountainbike-Trails für mehrere Tage oder Wochen). British Columbia und die Gegend um unsere Wahlheimat Squamish hat hier einiges zu bieten. Außerdem wollen wir die Westküste Kanadas etwas mehr erkunden und planen hierfür, ein See-Kajak oder ein meerestaugliches Ruderboot zu bauen. Längerfristig möchten wir dann eine Zeitlang in Europe verbringen und irgendwann in den nächsten 10 oder 20 Jahren steht dann eine Weltumsegelung an. Also, keine Zeit um in ein Loch zu fallen.

 

LvD: Ich wünsche dir und Nyle noch viel Vergnügen und Erfolg auf eurer Reise. Vielen Dank für das Interview.

 

25.000 Kilometer (!) auf dem Rad durch zwei Kontinente. Ein Abenteuer, das auf ewig in Erinnerung bleiben wird. Andrea und Nyle sind gerade in Huaraz in Peru und werden Anfang des nächsten Jahres hoffentlich gesund und glücklich an der Südspitze Südamerikas ankommen. Auf ihrem Blog shiftingdrifters.com kann man viele Geschichten der Tour nachlesen und sich auf kommende Episoden freuen. Wir wünschen den beiden viel Erfolg auf Ihrer Reise. 

Alle Bilder zur Verfügung gestellt von Andrea und Nyle.

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