Chris

Im Interview mit Chris Zehetleitner spreche ich mit ihm über knallgelbe Laufmode und Hitzeschlachten beim Marathon laufen.

 Es gibt Menschen, bei denen ich nicht weiß, ob sie jemals schlafen oder einfach mehr Stunden am Tag haben als ich. Christoph Zehetleitner ist so ein Mensch, der immer mehrere Projekte gleichzeitig auf der Agenda hat, die aber zu 110%. Sich innerhalb weniger Monate zum Marathonläufer zu pushen ist eines davon. Wie man das macht, versuche ich in meinem Interview herauszufinden.

LvD: Ich kann ja behaupten, dass ich deine ganze Läuferkarriere seit Beginn ganz gut mitverfolgen konnte und in regelmäßigen Abständen deinen Berichten lauschen durfte. Warum hast du mit dem Laufen überhaupt angefangen? 

Chris: Es waren zwei Gespräche, die mich 2013 zum Laufsport gebracht haben. Zum einen mit Björn Esser (selbst Läufer / Triathlet) der mir beim Splash Festival von einem Lauf erzählte, der “nicht so gut war”. Die Erkenntnis, dass es beim Laufen, wie bei allen Dingen im Leben, mal gute und mal schlechte Tage geben kann, hat für mich den Laufsport aus der “Superhelden-Ecke” (jeder Läufer ist immer gut drauf, immer top fit, hat immer Bock und immer Erfolg) rausgeholt und deutlich greifbarer gemacht. Das zweite Gespräch, das mich zu bewogen hat mit dem Laufen anzufangen, war mit dir. Du hast mich im Sommer 2013 gefragt warum ich eigentlich keinen Sport treibe. Meine Antwort war die üblichen Ausreden von wegen “Zu viel zu tun… Job, Label, Management, Bands, etc.”.

Im Nachhinein habe ich mich dann so sehr über meine Ausreden geärgert, dass ich es einfach ausprobiert habe irgendeinen Sport zu machen. In meinem Fall das Laufen, weil die Barriere, damit anzufangen, so niedrig ist wie in keinem anderen Sport. Künstlich habe ich es mit der höchsten Priorität versehen, wichtiger als Job, wichtiger als Familie, wichtiger als alle anderen Hobbies. Der Effekt war umwerfend: Auf einmal hatte ich alle Zeit der Welt um raus zu gehen und zu laufen wann immer ich wollte. Irgendwo am Ende meiner Prioritäten-Liste sind wohl ein paar unwichtige Dinge runtergefallen, davon habe ich allerdings gar nichts mitbekommen, die Zeit war auf einmal einfach da.

LvD: Was hat das Laufen zu Beginn für dich dargestellt gegenüber dem, was es heute für dich bedeutet fast täglich die Laufschuhe zu schnüren?

Chris: Am Anfang kam mir das Laufen eher wie eine nicht-zielgerichtete Freizeitaktivität wie Bergwandern, zum See radeln oder im Freizeit-Bad schwimmen vor. Es machte mir einfach Spass und ich hab mich währenddessen und danach super wohl gefühlt. Mein Blick auf den Laufsport hat sich jedoch stark geändert, als ich gemerkt habe wie schnell man besser wird. Bereits nach 4 oder 5 lockeren 30-Minuten-Läufen konnte ich die gleiche Strecke in deutlich kürzerer Zeit absolvieren. Nach 8-9 Einheiten waren es auf einmal eine Stunde bzw. 10km. Das hat mich enorm angespornt und meinen Ehrgeiz geweckt.

Ich habe mich direkt zum 10km-Lauf im Rahmen des München Marathon im Oktober 2013 angemeldet. Das war ein super wichtiger Schritt für mich, weil ich auf einmal beides haben konnte: Eine Aktivität, die mir einfach Spaß macht und ein gutes Gefühl gibt, gleichzeitig aber die Möglichkeit mich selbst zu fordern, zu verbessern und zu messen. Gezieltes Lauftraining konnte man das was ich im Sommer und Herbst 2013 fabriziert habe noch nicht nennen, aber immerhin schaffte ich es mit 2-3 Einheiten pro Woche, mein Ziel, die 10 KM in unter 50 Minuten zu laufen, zu erreichen. Ich war mega stolz und bin es immer noch bei jedem Wettkampf den ich finishe und bei jeder neuen persönlichen Bestzeit.

“Eine Aktivität, die mir einfach Spaß macht und ein gutes Gefühl gibt, gleichzeitig aber die Möglichkeit, mich selbst zu fordern, zu verbessern und zu messen.”

Für 2014 habe ich mir dann die Halbmarathon-Distanz vorgenommen und 2015 meinen ersten Marathon. Ich habe mir immer nur ein Ziel gesteckt und dann fokussiert darauf hingearbeitet. Seit 2014 trainiere ich mit unterschiedlichen Trainingsplänen, wobei sich das ganze auf ca. fünf Laufeinheiten pro Woche eingependelt hat.

 

LvD: Du hast ja immer viele Projekte laufen. Du hast dein eigenes Musiklabel, eine gerade ziemlich steil gehende Band und einen normalen full-time-job hast du auch noch. Mit “Willpower Running” hast du jetzt auch vor einiger Zeit ein Label für Laufklamotten gegründet. Was steckt hinter der Idee und welche Personen möchtest du damit erreichen?

Chris: Die Idee eine Laufsport-Klamottenmarke hochzuziehen entstand ganz klassisch: Das was ich haben wollte, gab es nicht am Markt. Ich hatte keine Lust mehr darauf in neonfarbenen Laufklamotten rumzurennen. Mein Casual-Modegeschmack ist schlicht und eher unauffällig. Warum sollte ich mich also beim Laufen auf einmal anziehen wie ein Zirkus-Clown? Im Mai 2015 hab ich mich dann hingesetzt und einen Plan geschrieben wie man eine kleine Independent-Laufsport-Klamottenmarke stufenweise etablieren kann ohne gleich einen Kredit über 200.000€ aufnehmen zu müssen. Dabei haben mir meine Erfahrungen im Bereich Band-Merchandise viel geholfen. Seit über 15 Jahren kenne ich diesen Markt sehr gut. Die erste Ausbaustufe von Willpower folgt einem ähnlichen Ansatz.

“Mein Casual-Modegeschmack ist schlicht und eher unauffällig. Warum sollte ich mich also beim Laufen auf einmal anziehen wie ein Zirkus-Clown?”

Die Tatsache, dass ich jetzt in Laufklamotten trainieren und an Rennen teilnehmen kann, die mir gefallen und alle meine funktionellen Anforderungen erfüllen, ist schon ein großer Erfolg. Im nächsten Schritt geht es jetzt darum möglichst viele Leute an die Marke heranzuführen. Ich glaube, dass der Bedarf groß ist. Am Ende ähneln sich die Laufshirts von Asics, Nike und Brooks beim “WHAT” und beim “HOW” sehr. Beim “WHY” kann ich mit Willpower aber Punkten. Die Marke und die Produkte erzählen eine Geschichte die die Leute ansprechender finden als irgendeinem Konzernriesen noch mehr Geld in den Rachen zu werfen.

LvD: Wo wir gerade bei Amerika sind, vor einigen Wochen bist du sogar beim Los Angeles Marathon an den Start gegangen. War das in deiner Läuferkarriere das bisher beeindruckendste Ereignis oder welches Erlebnis bleibt dir auf ewig in Erinnerung?

Chris: Ich hab’s zwar vorher auch nicht geglaubt, aber der erste Marathon ist mit Abstand das Ereignis, das einem als Läufer am längsten in Erinnerung bleibt. Bei mir war das der Maratoni di Roma im März 2015. Ich hatte mich über vier Monate darauf vorbereitet und wollte die letzten Wochen vor dem Rennen nichts anderes als endlich zu starten.

Der Lauf selbst war ein einziger Rausch. Ich glaube, ich hatte noch nie in meinem Leben eine so langanhaltende Endorphin-Ausschüttung wie in Rom (lacht)! Da man in der Marathon-Vorbereitung für gewöhnlich nicht länger als 30km oder drei Stunden läuft, wusste ich nicht was mich im letzten Viertel erwarten würde. Die Kombination aus totaler Erschöpfung, gleichzeitig aber der Gewissheit, dass ich sicher finishen werde, war einer der krassesten Momente in meinem Leben. Ich hatte meine Kräfte gut eingeteilt und konnte die letzten Kilometer sogar noch anziehen und habe bei meinem ersten Marathon sogar mein A-Ziel übertroffen.

“Der erste Gedanke war “Ok, das war’s für mich, ich bin raus”.”

Los Angeles war auch eine tolle Erfahrung, wenn auch ganz anderer Natur. Das war der erste Wettkampf bei dem es mich zerlegt hat. Ich halte nicht viel von diesem “Mann mit dem Hammer”-Gesabbel. Jeder Wettkampf, den man an der Leistungsgrenze läuft, wird irgendwann anstrengend. Bei mir war bei KM 34 erstmal Schluss. Ich hatte kurzfristig den glorreichen Plan aufgestellt, möglichst viele Kilometer bei einer hohen Pace zu sammeln, bevor die Hitze unerträglich wird.

Leider brannte die Sonne schon um 9 Uhr, also gut zwei Stunden nach dem Start, mit 28 bis 30 Grad Celsius in die Straßenschluchten von LA. Ich war so im Wettkampf-Modus, dass ich gar nicht bemerkte, wie mein Herzschlag irgendwann konstant in Richtung Maximalpuls anstieg. Irgendwann war Schluss mit pushen. Das war der Moment, wo der eigentlich spannende Teil des Rennens anfing. Der erste Gedanke war “Ok, das war’s für mich, ich bin raus”. Nach ein oder zwei Minuten Ausharren und Abwägen der Optionen wollte ich aber defintiv weiter machen und bin ein paar hundert Meter gegangen, dann getrabt und letztendlich nach 1-2 KM wieder gelaufen, so dass ich den LA Marathon am Ende noch finishen konnte. Die Erfahrung, die eigenen Grenzen nicht erkannt zu haben, war mindestens genauso wertvoll wie wieder zurück ins Rennen zu kommen, obwohl ich dachte, dass es vorbei ist.

LvD: Neben Asphalt nimmst du auch immer häufige Naturtrails unter deine Füße. Sind Querfeldein-Rennen deine nächste Herausforderung oder welche anderen Ziele verfolgst du aktuell mit dem Laufen?

Chris: Ich will, dass mir das Laufen auch in zehn Jahren noch so viel Spaß macht wie jetzt. Deswegen versuche ich mich immer auf eine Sache zu konzentrieren und nicht alles innerhalb von einem Jahr durchzuballern und mich dann zu langweilen. Die Themen Trailrunning, Ultra-Marathon-Distanzen und Triathlon reizen mich alle drei gleichermaßen wobei Trailrunning die Sache ist, die sich auf natürliche Weise ganz von alleine entwickelt. Ich war schon immer gerne in den Bergen, da lag es total nahe das ganze mit dem Laufen zu kombinieren. Letztes Jahr habe ich 5-6 Bergläufe gemacht und dieses Jahr hab ich an einem Revierguide-Wochenende des Trail-Magazins teilgenommen. Jetzt am Wochenende laufe ich den Vuurtoren Trail in Ameland. Ich steh da also schon mit einem Fuß drin und freue mich sehr darüber wieder so viel neues zu lernen.

Die Hauptziele für 2016 sind aber an meiner Grundgeschwindigkeit zu arbeiten und Hauptwettkampf im Herbst wird der Frankfurt Marathon sein, bei dem ich versuchen werde eine neue persönliche Bestzeit aufzustellen. Der überfähige Willpower Athlete (das ist das Sportler-Endorsement-Programm von Willpower) Sascha wird mich im Wettkampf begleiten und pacen, kann also (fast) nichts schief gehen.

LvD: Zum Abschluss würde mich noch interessieren welcher Sportler dich inspiriert und von wem du gerne mal ein Interview lesen würdest?​

Chris: ​Im Laufsport ist das definitiv Scott Jurek. Ich mag die Kombination aus herausragender, sportlicher Leistung und Introvertiertheit. Sein Buch “Eat & Run” ist eine Ansammlung an unfassbaren Rekorden und Höchstleistungen (und Rezepten…), trotzdem erzählt Scott Jurek seine Geschichte vollkommen unaufgeregt und bescheiden. Von Jenn Shelton würde ich aber auch gerne ein Interview lesen. Spätestens seit dem “Outside Voices” Dokumentarfilm bin ich so ein bisschen verknallt in die …haha!

Danke an Chris für das Interview!

Wer Lust auf schicke Laufklamotten hat, der sollte mal einen Blick auf www.willpower-running.com werfen und das Projekt von Chris unterstützen. Ebenfalls sehr lesenswert und zu empfehlen ist auch sein Blog.

Teile diesen Artikel

0 Kommentare zu “ChrisKommentar hinzufügen →

Kommentar verfassen