Sheep

Interview mit Sheep, Fallschirmspringer und Basejumper, über die Auseinandersetzung mit Angst und wie man ihr begegnen kann.

Die meisten Menschen die verrückte Dinge tun, machen das meistens nur um über ihr langweiliges Leben hinwegzutäuschen. Bei Sheep ist das anders. Er ist ein Grenzgänger durch und durch und ist dabei gleichzeitig einer der liebenswertesten Menschen auf diesem Planeten.

-> For english version click here! <-

LvD: Wir sind uns vorher noch nie persönlich über den Weg gelaufen, aber ich habe immer von dir als diesen lustigen und sympathischen Hardcore-Typen mit den verrückten Stagedives gehört. Ich bin sicher, dass du das immer noch immer machst, aber du bist auch zum richtigen Skydiven in den letzten Jahren übergegangen. Wann hast du damit begonnen und wie bist du zu diesem Sport gekommen?

Sheep: Ich wollte schon immer zu Skydiven, seitdem ich ein Kind war. Es faszinierte mich einfach schon immer. Ich erinnere mich an die Aufregung, die ich empfand, als ich zum ersten Mal ein Video von jemandem gesehen habe, der einen Basejump gemacht hat. Da ist mir ein Schauer über die Haut gegangen. Ich wollte einen dieser gesponserten Charity-Sprünge machen als ich 18 war, aber die Menge an Geld, die man benötigte, war unmöglich für mich aufzubringen. Nach ein paar Jahren hatte ich ein festes Einkommen und genug Geld um es mir selbst zu leisten. Ich machte meinen ersten Sprung und bekam meine Lizenz Anfang 2012. Seitdem habe ich etwa 260 Sprünge gemacht, die für Nicht-Skydiver viel erscheinen, aber in der Welt der Fallschirmspringer bin ich immer noch so etwas wie ein Anfänger. Ich würde gerne häufiger springen, aber die Arbeit und das Leben steht dem manchmal im Weg, da es ein ziemlich ein aufwändiges Hobby ist und auch nicht das billigste…

Ich mag den Begriff Adrenalin-Junky nicht, aber trotzdem bin ich sehr affin für riskante und spaßige Sachen, sei es in Industrie-Schornsteinen zu klettern, von einer Klippe in einen See zu springen oder was auch immer … Es fühlt sich also ganz natürlich an, dass ich am Ende auch aus Flugzeugen springe.

sheep-slider-2

LvD: Apropos Adrenalin, als Bergsteiger und Kletterer wie ich einer bin, gibt man immer ein wenig Kontrolle ab und man muss sich dafür auf Ausrüstung, Erfahrung und Fähigkeiten verlassen können. Wenn du im Begriff bist aus einem Flugzeug zu springen muss sich dieses Erlebnis ja multiplizieren, denke ich. Wie bekommst du deinen Kopf unter Kontrolle, um der Angst und Anspannung zu begegnen und gibt es Tage, an denen du auch mal “Nein danke, heute nicht, ich fühle mich heute nicht wohl dabei” sagst?

Sheep: Ehrlich gesagt, ich habe keine Angst davor, so muss ich mich auch nicht damit konfrontierten. Selbst bei meinem ersten Sprung war ich nervöser darüber den Test zu bestehen (die ersten 7 Sprünge sind alles Tests), als über die Tatsache, dass ich aus einem Flugzeug springe. Wenn Du 4000 Meter über dem Boden bist, ist es so hoch, dass es schon irgendwie surreal ist. Du siehst nicht wirklich Autos oder Menschen, nur Gebäude. Ich werde nur nervös, wenn ich mit anderen Personen springe. Ich bin kein sehr begabter Fallschirmspringer und ich mache mir dann Sorgen über verdammt alles, was wir dann dort oben versuchen werden.

Soweit es meine Ausrüstung betrifft, packe ich mein eigenes Gurtzeug. Ich habe das jetzt für fast 200 Sprünge gemacht und ich bin mir sicher, dass ich irgendwann mal einen Fehler an einem gewissen Punkt machen werde. Es ist fast unvermeidlich, aber das ist der Grund, warum man einen Notschirm hat, der nur von einer qualifizierten Person verpackt wird. Er hat einen kleinen Computer (AAD) integriert, und wenn du schneller fällst als du eigentlich solltest, wird der Schirm nach ca. 400 Meter ausgelöst. Wenn etwas schiefgelaufen ist oder ich das Bewusstsein verliere, ich mir den Arm ausgekugelt habe und ich nicht den Auslöser ziehen kann oder ich einfach nur die Aussicht zu viel genossen und nicht auf die Höhe geachtet habe, würde er mich retten.

“Wenn ich auf der Kante stehe bereit zum Springen, mache ich mir fast in die Hose. Es sind nur 150 Meter über dem Boden und es ist viel realer.”

Allerdings, nur weil es Garantien gibt, bedeutet es nicht, dass Dinge nicht auch schiefgehen können. Ich hoffe, ich bin nicht zu blauäugig was meine Sicherheit angeht, aber ich kümmere mich um alles selbst und es wird regelmäßig von jemanden überprüft, so dass ich sicher sein kann, jedoch schwirrt mir das Thema nicht die ganze Zeit im Kopf herum.

Wenn wir zum Basejumpen übergehen, kannst du das alles geradewegs aus dem Fenster werfen. Wenn ich auf der Kante stehe bereit zum Springen, mache ich mir fast in die Hose. Es sind nur 150 Meter über dem Boden und es ist viel realer. Außerdem hast du keine Reserve und man hat nur sehr wenig Zeit, um einen Fehler zu korrigieren, falls etwas passiert.

Obwohl die Ausrüstung gegenüber dem Skydiven ähnlich ist, ist der Pack-Job viel komplizierter und man muss viel genauer sein. Beim Skydiven hast du eine erhebliche Menge mehr Zeit und Höhe den Schirm zu öffnen, nicht so beim Basejumpen. Wenn du dein Gurtzeug nicht richtig packst, könnte sich der Schirm nicht richtig öffnen und du könntest gerade in das hineinfliegen von wo du gerade runtergesprungen bist. Bei meinem letzten Sprung hatte der Schirm sich um 180° verdreht und ich flog auf den Felsen zu, von dem ich gerade gesprungen bin. Zum Glück war meine Reaktion schnell genug, um mich aus den Schwierigkeiten zu bekommen. Ich gebe die Schuld eher meinem (wahrscheinlich) schlechten Pack-Job und weniger dass ich keinen Basejump seit einer gewissen Zeit gemacht habe.

Zusammengefasst: Skydiven ist nicht so angsteinflößend, Basejumpen dagegen schon eher.

 

LvD: Das ist sehr interessant. Manchmal hört man Nachrichten über Unfälle von Basejumpern. Viel häufiger sieht man aber die Videos im Netz von Leuten, die wie Vögel durch die Gegend fliegen als wäre es die einfachste Sache der Welt. Trotz der großen Gefahr dahinter, was treibt dich an es trotzdem zu tun? Was ist deine Motivation?

Sheep: Nun wie in jeder Sportart, diejenigen, die es professionell machen, lassen es auch einfach aussehen. Ich bin gerade an einem Windkanal und beobachte ein Team beim Trainieren und die Art, wie sie fliegen, lässt es mühelos aussehen. Das Halten der richtigen Höhe in einem Wingsuit erfordert viel Übung und das Manövrieren, das so einfach aussieht, ist alles andere als das!

Mir scheint, der Großteil der Unfälle sind Menschen am extremeren Ende des Sports, wie der Nahflug, den du erwähnt hast. Die Fähigkeit, die man benötigt, um das zu tun, ist immens, und die Risiken sind nochmals viel höher als ein normaler Basejump. Der Spielraum für Fehler ist sehr viel kleiner.

“Das Gefühl des sich fürchtens gibt einen den Kick, aber es gibt einem auch das Gefühl von Erfolg.”

Ich denke, dass meine Motivation für das Basejumpen die gleiche ist, wie für jeden anderen, der etwas Gefährliches tut: es macht Spaß! Ich weiß wirklich nicht, ob ich es noch besser erklären kann. Das Gefühl des sich fürchtens gibt einen den Kick, aber es gibt einem auch das Gefühl von Erfolg. Es ist nicht einfach, und es erfordert Zeit um es zu lernen, um es überhaupt machen zu können.

Ich denke, es ist wichtig, darauf hinzuweisen, dass ich nur etwa 20 Basejumps gemacht habe bisher, so dass ich alles andere als eine Art von Autorität hätte. Ich bin der Anfänger unter den Anfängern und ich mache nur einfache Sprünge! Keine Nahflüge (zumindest nicht bis ich viel besser beim Basejumpen und Wingsuiten geworden bin, um dies zu kombinieren).

LvD: Sind Nahflüge oder Basejumps etwas, worauf du gerne einen größeren Fokus legen möchtest in der nächsten Zeit und was ist das nächste Projekt, das du planst?

Sheep: Absolut. Ich habe seit einer Weile keine Basejumps gemacht, weil ich niemanden kenne, der das hier in Deutschland macht. Seitdem ich also hergezogen bin, ist es an dieser Stelle ein bisschen ruhig gewesen, aber ich will das weiterverfolgen. Ich möchte auch mein Wingsuiten verbessern.  Ich habe nur etwa 20 Wingsuit-Flüge gemacht. Da ist also auf jeden Fall eine Menge Raum für Verbesserungen. Die Sprungzonen hier in Berlin haben erst seit ein paar Wochen wieder geöffnet (sie schließen den Winter über), es ist also Zeit, hier aktiv zu werden!

Ich bin gerade in Belgien einen Freund besuchen, der einen eigenen Windkanal betreibt. Ich versuche an meinem Sitzflug zu arbeiten, das ziemlich Spaß macht, weil es sehr viel schwieriger im Tunnel ist als in der Luft! Man muss viel präziser beim Fliegen sein, da man am Himmel viel mehr Platz hat sich zu bewegen.

Mein ultimatives Ziel ist der Nahflug, aber ich möchte auch ein bisschen von allem machen. Ich bin nicht in Eile, um zum Nahflug zu kommen und ich will nichts tun, bevor ich mich nicht dazu bereit fühle!

LvD: Gibt es einen bestimmten Sprung, den du gemacht hast, den du als dein größtes Erlebnis bis jetzt bezeichnen würdest?

Sheep: Nun, ich denke, der eine, der am meisten heraussticht, war der Sprung den meine Freundin mit mir gemacht hat. Sie hat nicht die gleiche Missachtung von Gesundheit und Sicherheit wie ich und hatte geschworen, dass sie es nie tun würde. Sie überraschte mich mit einem Wochenende auf der Insel Texel an der Nordküste von Holland und hat einen Tandemsprung mit mir in der gleichen Gruppe gemacht.

Neben dem habe ich einen Nachtsprung als meinen 100. Sprung gemacht, was ziemlich surreal war in die pechschwarze Nacht zu springen. Ich habe ein Wingsuit-Rodeo (wo man auf einem anderen Typen mit einem Wingsuit reitet) als meinen 200. Sprung gemacht. Der 1. Wingsuit-Sprung war auch der Wahnsinn. Alle der ersten Male beim Basejumpen auch: erste Brücke, erste Antenne, erstes Gebäude, erste Klippe …

LvD: Das klingt ja echt verrückt! OK, hier ist meine letzte Frage: Gibt es jemanden in der Welt des Basejumpen, der heraussticht und den du empfehlen würdest, sich mal genauer anzusehen?

Sheep: Nun gibt es eine Menge Leute, die überall verrückte Dinge tun in diesen Tagen, aber der Kerl, zu dem ich am meisten aufschaue, ist Sean Chuma. Er lehrte mich, wie man springt und ist ein guter Kerl. Er gibt dir das richtig Maß an Input und pusht dich dazu es richtig zu machen, ohne dabei ein Idiot zu sein. Seine Luftakrobatik ist einzigartig.

Danke an Sheep für das Interview!

Wer mehr von Sheep sehen möchte, egal ob beim Fallschirmspringen, on the road mit seinen Bands oder einfach so, dem empfehle ich seinen Instagram-Account.

(Intro von Chris Zehetleitner)

Teile diesen Artikel

0 Kommentare zu “SheepKommentar hinzufügen →

Kommentar verfassen