Lukas

Interview mit Lukas Ruetz, Skitourenkenner aus St. Sigmund im Sellrain mit Vorliebe für extreme Touren und Lawinenkunde.

Schnee ist für den normalen Skifahrer ein Buch mit sieben Siegeln. Gerade wieder dieser Winter mit seinen jüngsten Ereignissen zeigt, wie tückisch die Materie sein kann und wie nah Genuss und Gefahr beieinander liegen. Für Lukas Ruetz ist es eine Leidenschaft, sich mit den vielen Einflussfaktoren, die ihm am Berg begegnen, auseinanderzusetzen (und darüber zu schreiben). Lukas Ruetz jetzt bei Leute von Draussen im Interview.

LvD: Du bist im Sellrain aufgewachsen und kennst die Berge rund um das Kühtai wie kaum ein anderer. Woher stammt deine große Faszination für die heimischen Berge und was treibt dich an, bis zu 150 Touren im Jahr zu Fuß oder auf Skiern zu machen?

Interview: Lukas Ruetz, Skitourenkenner und Blogger aus St. Sigmund im SellrainLukas: Ich hab die Frage in dieser Form schon mittlerweile einige Male gestellt bekommen. Die Frage könnte ich wieder – wie standardgemäß in alpinen Interviews – mit den Klassikern (Freiheit, den eigenen Körper spüren, Grenzen ausloten, Anerkennung generieren, Flow-Erfahrungen, Naturerlebnis, Kameradschaftspflege, uvm.) beantworten. Aber eigentlich lesen das ja hauptsächlich Menschen, die ebenfalls gerne Bergsport betreiben und diese Erfahrungen – zumindest in leichter Form – selbst erleben und zu schätzen wissen.

Ich lese momentan ein Buch über die Psychologie des Bergsteigens und eines kommt, zumindest wenn man so viel unterwegs ist, sicher noch hinzu: Bergsport ist auf diesem Niveau definitiv mit Suchtpotential ausgestattet und zeigt die gleichen Entzugserscheinungen wie andere Abhängigkeiten. Aber im Gegensatz zu Alkoholismus, der zwar auch gesellschaftlich anerkannt ist und im Grunde ebenfalls gesellschaftlich gefördert wird, kommt beim Bergsport noch die Heroisierung der Süchtigen dazu. Und eine Sucht zu befriedigen, dafür noch Lorbeeren zu ernten und das ganze mit lässigen Erlebnissen zu kombinieren, scheint mir noch interessanter zu sein als sich dem heute üblichen Freitag-Saufen-Samstag-Schlafen-Saufen-Sonntag-Schlafen-Rhythmus zu ergeben.

“Bergsport ist auf diesem Niveau definitiv mit Suchtpotential ausgestattet und zeigt die gleichen Entzugserscheinungen wie andere Abhängigkeiten.”

Man könnte das noch stundenlang analysieren und ziemlich viel um den heißen Brei reden. Im Großen und Ganzen ist Bergsteigen doch nur eines: echt bärig, wie man bei uns hier so schön sagt. Und noch schöner dort, wo man sich zu Hause fühlt. Das ist für mich persönlich die Gegend, wo ich aufgewachsen bin, die von meinen direkten Vorfahren Jahrhunderte geprägt wurde. Wo man jeden Stein und das Wissen um die Heimat weitergegeben bekommt und weitergeben kann. Ja, die Ferne ist nicht weniger interessant und es gibt dort genau so schöne Plätze, aber für die interessiert sich doch jeder? Für die (unbekannten) Berge zu Hause aber im tieferen Sinn kaum jemand, wenn man mal vom Namen und seiner Gipfelhöhe absieht.

Interview: Lukas Ruetz, Skitourenkenner und Blogger aus St. Sigmund im Sellrain

LvD: Du bewegst dich hier sicherlich entgegen der Masse, die am liebsten die Klassiker und bekannteren Touren macht (oder abhakt). Die meisten deiner Leser, sofern sie nicht aus deiner Ecke stammen, haben von den meisten Bergen, Karen oder Graten wohl noch nie was gehört.
Bei dem Großteil deiner Touren bist du alleine unterwegs oder hast nur deinen Hund dabei. Setzt du dich dann anders mit deinen Projekten und Tourenzielen auseinander oder was gibt es noch für Gründe?

Lukas: Nachdem auch bei Touren in Gesellschaft praktisch ich immer den Großteil der Tourenplanung mache: Nein, vom grundlegenden Auseinandersetzen nicht. Nur die Ziele und die Zeitplanung ändern sich im Gegensatz zum alleine unterwegs sein.

LvD: Abgesehen von der täglichen Lawinenlage oder wie viel Zeit du gerade hast, nach welchen Kriterien wählst du deine Touren aus bzw. was ist dir am wichtigsten? Wie planst du deine Touren? Noch klassisch mit Papierkarte oder digital?

Lukas: Grundsätzlich bin ich im Winter wesentlich stärker verhältnisorientiert unterwegs als im Sommer. Das heißt: Zuerst wird abgecheckt, was vom Wetter her machbar ist, im Frühwinter und Spätwinter vor allem bezüglich Schneemenge. Dann von der Lawinengefahr und dann von der Schneequalität. Wobei letzteres bei mir ein großes Augenmerk hat und die Suche nach gutem Schnee wesentlich höhere Priorität hat als meine Zielorientierung – also auf welchen Gipfel ich möchte.

Interview: Lukas Ruetz, Skitourenkenner und Blogger aus St. Sigmund im SellrainZu Hause plane ich nur mehr die extremeren Sachen, diese vor allem mit Prozessdenken und Übersichtsfotos aus meinem Archiv. Alle “Standardtouren” habe ich so im Kopf, dass ich sie bezüglich Route oder Wegfindung nicht planen muss. Wenn ich mein Hinterteil mal woanders hinbewege, also raus aus den Stubaiern, dann verwende ich primär die digitalen Alpenvereinskarten am PC und am Handy, diverse Online Portale und unterwegs auch eine Papierkarte, selten gedruckte Führer.

LvD: Du schreibst auf deinem Blog auch sehr viel über die aktuelle Lawinenlage, gräbst Schneeprofile und stellst die Ergebnisse online. Was fasziniert dich so an der Materie Schnee?

Interview: Lukas Ruetz, Skitourenkenner und Blogger aus St. Sigmund im SellrainLukas: Am Schnee faszinierend ist seine ungeahnte Vielfältigkeit, seine Wechselwirkungen – beispielsweise mit der Atmosphäre – vor allem was man darüber an für den Laien unvorstellbarem Wissen sammeln kann, sowie die Tatsache, dass die Schnee- & Lawinenkunde eigentlich noch in den Kinderschuhen steckt. Das Bild von Schnee wie ich ihn im Gelände auf Schritt und Tritt wahrnehme, ist ein komplett anderes, als das Bild von dir während du neben mir am Lüsener Fernerkogel stehst. Schnee ist für mich ein gutes Beispiel, dass wir zwar alle durch die gleiche Welt wandeln und das gleiche sehen – sich aber in Wirklichkeit jeder in seiner eigenen Welt befindet und Wissen wie Erfahrung uns eine neue Sichtweise ermöglichen. Es gibt viel mehr als Pulver, Firn, Harsch, Bruchharsch und Sulz.

“Es gibt viel mehr als Pulver, Firn, Harsch, Bruchharsch und Sulz.”

Für leichteres Verständnis ein anderes Beispiel: Der Wald. Heutige “Zivilisationsopfer” sehen nur “Wald” und können eigentlich keine Bäume mehr benennen. Die nächsthöhere Stufe unterscheidet zwischen “Laub- & Nadelwald”, die nächste zwischen Ahorn, Buche, Tanne, Fichte, Zirbe, Lärche – das geht soweit bis man jedes Individuum für sich sieht, es beschreiben und abgrenzen kann. Also bezüglich Schnee: Städter ohne wintersportliche Ambitionen kennen meist nur “Schnee”. Wer auf der Piste regelmäßig Ski fährt, kann schon ein paar Schneearten unterscheiden. Wer auf Tour geht, lernt noch mehr kennen und wer sich damit wirklich beschäftigt, Profile gräbt, von anderen lernt, seine Gedanken darum kreisen lässt, beobachtet und fühlt, der taucht in eine Welt ein, von der er vorher nicht mal geträumt hätte.

LvD: Ich habe gelesen, dass du sehr viele Anfragen von den Lesern deines Blogs bekommst, die dich nach der aktuellen Lawinenlage oder nach einer Tourenempfehlung fragen. Wie reagierst du darauf und was ist dein genereller Rat an die “Städter” hinsichtlich Tourenwahl und Selbsteinschätzung? Könnten die Tourenportale und Informationsdienste, wie z.B. der Lawinenwarndienst, etwas anders/besser machen?

Lukas: Besser machen kann man immer was und vor allem von Seiten der Lawinenwarndienste wird kontinuierlich im Hintergrund an Verbesserungen gearbeitet – während des Sommers wo andere am Radl sitzen oder im Freibad plantschen.
Ich kann Verhältnisauskünften mittlerweile leider nicht mehr nachkommen. Neben dem zeitlichen Aspekt sehe ich mich als Betreiber einer Privatseite die vorwiegend persönliche Erlebnisse schildert, nicht als Alpine Auskunft oder als Tourismusverband. Dort liegen die Zuständigkeiten für persönliche Tourenberatung. Verhältnisse in anderen Gebieten einzuschätzen ist schwierig und nur bis zu einem gewissen Grad machbar – Tourenwahl im Winter geschieht eben verhältnisorientiert.

Interessanterweise ist die Verhältnisorientierung bezüglich dem Faktor Schneemenge sehr stark ausgeprägt. Das heißt, viele fahren dem meisten Schnee nach, sind hier also tatsächlich stärker verhältnisorientiert als zielorientiert. Bezüglich Lawinenlage liegt das Verhältnis von Ziel-/Verhältnisorientierung noch für meine Begriffe viel zu stark bei der Zielorientierung. Ein Kratzer im Skibelag ist halt anscheinend viel schlimmer als ein höheres Lawinenrisiko. Ich gehe keine Tour mit kammnahen, steilen Osthängen nach Neuschnee und Westwind beispielsweise, auch obwohl ich schon lange auf diesen Gipfel will. Aber vor allem bezüglich Wind und Schneequalität hinkt die Verhältnisorientierung extrem hinten nach. Auch bei nur schwach angekündigtem Föhn, gehe ich niemals eine Tour am Alpenhauptkamm. Man muss auch (fast) nie Bruchharsch fahren und kann trotzdem auf Tour gehen, sofern man sich vorher Gedanken macht.

“Ein Kratzer im Skibelag ist halt anscheinend viel schlimmer als ein höheres Lawinenrisiko.”

Was noch komplett fehlt und wo interessanterweise auch nirgends die hohe Notwendigkeit erkannt wird, sind verlässliche Berichte zur Schneelage in einer Region. Diese müssen auch Alternativen auflisten, was man bei einer aktuell schlechten Schneelage – bitte nicht verwechseln mit der Lawinenlage – bestenfalls in dieser Region unternehmen kann. Das Sellraintal zählt mittlerweile ja zu den Bergsteigerdörfern und es wird von mehreren Seiten langsam daran gearbeitet, unser Gebiet als Skitourenregion zu präsentieren. Nur gibt es weder vom Tourismusverband noch von sonstiger Stelle einen Schneebericht. Besser gesagt einen regelmäßigen Sportbericht, was man jetzt am Berg gut unternehmen kann bzw. welche Alternativen es gibt oder wo die Schneegrenzen der jeweiligen Touren liegen. Ein Veranstaltungskalender oder eine Schneehöhenangabe, wie man sie auf den Internetseiten von Skigebieten findet, sind dazu nicht geeignet.

 

LvD: Das klingt nach viel Arbeit für die örtlichen Touristiker. Es würde aber sicherlich die Besucherströme etwas lenken, das Risiko für Unfälle mindern und auch die Qualität steigern.
Zum Schluss noch mal zu dir persönlich. Hast du noch bestimmte Projekte für diesen Winter oder bist du jemand, der nur von einer Tour zur nächsten plant? Wo würdest du außerhalb der Alpen gerne noch mal hin?

Lukas: Projekte habe ich einige auf der Liste, hauptsächlich natürlich Steilabfahrten und eintägige Skidurchquerungen. Die rücken aber erst in den Vordergrund, sobald sich brauchbare Verhältnisse ergeben. Es gibt auch Ideen für ferne Ziele, ich rede da aber erst lieber im Nachhinein drüber.

LvD: … und man kann dazu dann etwas auf deiner Webseite lesen. Hast du als Tipp einen Blog oder ein anderes Medium, das du gerne regelmäßig verfolgst und empfehlen kannst?

Lukas: Das BergundSteigen Magazin ist Pflichtlektüre für jeden Bergler, dazu regelmäßig einen Blick auf die Produkte der benachbarten Lawinenwarndienste werfen sowie der Wetterblog bzw. meine wöchentliche Kolumne Schneegestöber auf Powderguide.com.

LvD: Vielen Dank für das Interview!

 

Lukas schreibt auf seinem Blog lukasruetz.at nicht nur Tourenberichte, die den normalen Tourengeher manchmal ins Staunen und/oder ins Schwärmen versetzen. Jeder Beitrag ist auch ein kleine Lehrstunde in den Fächern Lawinenkunde, Verhalten auf Tour und Motivation. Absolut empfehlenswert für jeden, der nicht nur Inspiration sucht, sondern auch etwas lernen möchte.

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